dark matter

2020, 4K-Video, 19‘52“, Farbe, Ton

Menschengemachte Landschaften ohne Menschen. Haushohe Kolosse aus Stahl graben nach Gestein. Zerfurchte Erde, dampfende Schlote, Haufen von Schrott. Viktor Brim dokumentiert Orte der Geschichte und Gegenwart der Rohstoffförderung: die Ökonomie der Extraktion, auf der das moderne Leben basiert. Neben der schier unbegreiflichen Dimension dieser Orte haben die Prozesse eine Zeitlichkeit inne, die sich nur über Dauer erfassen lässt. Deshalb steht die Kamera des Künstlers still, wenn sie beobachtet, registriert, aufzeichnet. Daniel Burkhardt schreibt über Brims Videokunst: »Durch die exakte Bemessung der Dauer seines Blicks und die präzise Setzung des Bildausschnitts gelingt es ihm scheinbar mühelos, dass sich das Betrachtete wie von selbst erzählt.« So kommt Brim ohne jeglichen Kommentar aus. Der fein arrangierte Ton überträgt vielmehr das niemals ruhende Surren der Maschinen.

Seine Tableaus bezeugen in ihrer audiovisuellen Kraft die Hinterlassenschaften der auch unter dem Eindruck der Klimakatastrophe ungemindert voranschreitenden industriellen Ausbeutung des Planeten. In seinem jüngsten Film Dark Matter (2020) führt Brim eine neue Ebene der Abstraktion ein: Aus dichtem Nebel schälen sich schemenhaft Trümmerreste, Strommasten und Industrieanlagen im spärlichen Licht der Scheinwerfer. Die apokalyptisch anmutende Szenerie wechselt mit Landschaftsbildern, deren hügelige Formen den Faltenwurf eines Samttuches evozieren. Schließlich taucht die Kamera in das riesige, von konzentrischen Fahrstraßen umzeichnete Loch der weltgrößten sogenannten Kimberlitpfeife bei Mirny in Jakutien im Nordosten Sibiriens. Die Konturen der Diamantmiene verlieren sich im tiefen Schwarz des Abgrunds, gleich einem unendlich langsamen Sturz ins Bodenlose.

Florian Wüst