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Haus am Kleist­park
Berlin, 2020
MONOSCAPE EXHIBITION VIEW HAUS AM KLEISTPARK
Slide MONOSCAPE HIROSHIMA MUSEUM OF MODERN ART INSTALLATION VIEW exhi­bi­tion view
Hiroshi­ma City Muse­um
of Con­tem­po­rary Art, 2020
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monoscape

2017, 2,5K-Video, 16‘41“, Farbe, Ton

Vik­tor Brims Kun­st beste­ht darin zu schauen. Was pro­fan und alltäglich klingt, ist bei genauer Betra­ch­tung kom­pliziert, da jedem Sehen per se eine Hal­tung und Posi­tion innewohnt, ein bes­timmtes Ver­hält­nis zum Gegen­stand der Betra­ch­tung. Brims Gabe beste­ht darin, die Land­schaften, Objek­te und Men­schen, die er in den Blick nimmt, wed­er zu über­höhen, noch abzuw­erten, wed­er zu mys­ti­fizieren, noch ana­lytisch zu verklein­ern. Durch die exak­te Bemes­sung der Dauer seines Blicks und die präzise Set­zung des Bil­dauss­chnitts gelingt es ihm schein­bar müh­e­los, dass sich das Betra­chtete wie von selb­st erzählt. Und das sowohl auf den Ebe­nen der Ver­gan­gen­heit — durch eingeschriebene Spuren — der Gegen­wart — durch die doku­men­tierte Präsenz — und auch der Zukun­ft — durch die nahe gelegte Extrap­o­la­tion der immer nur in Frag­menten sicht­baren Ereignisse seit­ens der Betra­chter.

Brims Filme beschreiben vornehm­lich Orte und erzählen durch sie hin­durch und mit ihnen in ihrer Funk­tion als Träger von Geschichte(n). Dabei wählt er Land­schaften, die in der aktuellen Gegen­wart der Auf­nahme men­schen­leer sind, die aber grund­sät­zlich von Men­schen gemacht, erdacht oder geprägt sind. Brim lässt Men­schen nicht direkt zu Wort kom­men, lässt sie nicht ihre Ein­schätzun­gen, Ideen und Visio­nen in Worten aus­drück­en, son­dern zeigt all das anhand von bere­its real­isierten Man­i­fes­ta­tio­nen, von Hin­ter­lassen­schaften in der Welt. Die gekerbte Land­schaft, die der Men­sch sich zu eigen gemacht und seinen Inten­tio­nen entsprechend geformt hat, dient so als Spiegel, Archiv und Zeuge.

Die Videoar­beit “Mono­scape” geht von einem rel­a­tiv eng umris­se­nen, unspek­takulären Are­al aus: einem kleinen Hafenge­bi­et im Köl­ner Nor­den. Brim fokussiert diesen mono­funk­tionalen Raum, an dem ver­schiedene Verkehrs- und Waren­ströme aufeinan­der tre­f­fen und syn­chro­nisiert wer­den müssen, da ihn die Kom­plex­ität und Dynamik des dahin­ter ste­hen­den logis­tis­chen Sys­tems fasziniert. Er zeigt uns eine Szener­ie, die auf eine wel­tumspan­nende Zeitlichkeit aus­gelegt ist, die lokalen Gegeben­heit­en ignori­ert und niemals ruht: Eine dynamis­che Echtzeit­skulp­tur, die mit ihren Adern unmit­tel­bar an das Netz weltweit zirkulieren­der Waren angeschlossen ist und mit ihren Armen bis weit ins lokale Umland hinein reicht.

In diesem eh schon engen Are­al war die Bewe­gungs­frei­heit Brims und seines Kam­era­manns Simon Baucks noch zusät­zlich lim­i­tiert, da sie sich nur in einem kleinen Bere­ich aufhal­ten durften. Durch die Ver­wen­dung von Teleob­jek­tiv­en gelang es ihnen, verblüf­fend viele unter­schiedliche visuelle Tableaus aus dem vorge­fun­den Ensem­ble her­aus zu extrahieren. Und schnell wird klar, es geht hier nicht um die Doku­men­ta­tion eines lokalen, spez­i­fis­chen Hafenare­als, son­dern um die Beobach­tung eines wel­tumspan­nen­den Net­zes der Zirku­la­tion von Waren. Es ist ein Sys­tem, das einst den Men­schen als Aus­gangspunkt und Zen­trum hat­te, sich aber nach und nach verselb­st­ständigt hat und seinen eige­nen inhärenten Geset­zmäßigkeit­en und logis­chen Regeln fol­gt. Der Men­sch ist dabei eine nur noch beobach­t­ende, dienende Rand­fig­ur und dementsprechend treten die men­schlichen Pro­tag­o­nis­ten in Brims Film auch auf: eingepfer­cht in gewaltige Führerhäuser, wo sie zwei, drei Hebel betäti­gen oder außer­halb ste­hend, lethar­gisch darauf wartend, dass die Maschi­nen ihr Werk voll­bracht haben und die all­ge­gen­wär­tige Pro­duk­tion­slogik sie von A nach B trans­feriert. Brim zeigt den Men­schen apathisch in einem Sys­tem, das er selb­st erschaf­fen hat, das sich ihm aber längst entzieht und ihn über­steigt.

Gle­ichzeit­ig ist “Mono­scape” aber auch eine Feier der Ele­ganz der Maschi­nen und der indus­triellen Abläufe, ihrer unbeir­rbaren und gle­ichzeit­ig rät­sel­haften Funk­tion­al­ität und ihrer Anmu­tung zwis­chen Mon­u­men­tal­ität und Zartheit. Der Film ver­schreibt sich diesen tech­nis­chen Tak­t­ge­bern der­art, dass er seinen gesamten Rhyth­mus aus den Dreh‑, Hebe- und Roll­be­we­gun­gen der logis­tis­chen Appa­rate gener­iert. “Es soll eine Atmo­sphäre entste­hen, die sich durch die Objek­te und ihr Zusam­men­wirken aus­bre­it­et”, schreibt der Filmemach­er. Dass dies gelingt, liegt auch daran, dass Brim die logis­tis­chen Abläufe nicht rein in ihre unter­schiedlichen Seg­mente aufteilt und analysiert, son­dern die einzel­nen Maschi­nen und ihre Funk­tio­nen auf ihr per­for­ma­tives Poten­zial hin unter­sucht. Jede Ein­stel­lung ist wie eine Bühne, auf der sich exakt chore­ografierte Hand­lun­gen vol­lziehen. Fast scheint es, als seien sie nicht doku­men­tarisch beobachtet, son­dern für die Beobach­tung insze­niert.

Der Film dekon­tex­tu­al­isiert die tech­nis­chen Abläufe: wir ver­ste­hen nicht, was wozu wohin bewegt, gehoben und geschoben wird. Brim schaut auf die sicht­baren Struk­turen, auf die Flächen und Kan­ten der riesi­gen Skulp­tur und befragt sie nach ihrem ästhetis­chen und nar­ra­tiv­en Poten­zial. Das schiere Aus­maß der einzel­nen Maschi­nen über­steigt oft das Bild­feld: der gesamte Bild­in­halt gerät in Bewe­gung, es gibt keine Ori­en­tierung, keinen Halt, kein Außen und auch wir Betra­chter gehen ver­loren in dieser gewalti­gen Chore­ografie tech­nis­ch­er Abläufe.

In der Mon­tage sein­er Tableaus konzen­tri­ert sich Brim nicht allein auf visuelle Analo­gien, son­dern arbeit­et auch mit Gegen­sätzen. Er fächert die Kom­plex­ität und Vielgestaltigkeit der visuellen Aus­for­mungen auf und kreiert eine ganze Band­bre­ite teils gegen­sät­zlich­er Anmu­tun­gen: Syn­chrone und gegen­läu­fige Bewe­gun­gen, Wucht und Fragilität, Geschwindigkeit und Still­stand, Grav­ität und Schw­er­losigkeit.

Von einem unbe­deu­ten­den Punkt im Köl­ner Hafen schaut Brim auf die Man­i­fes­ta­tio­nen, Organ­i­sa­tion­sstruk­turen und Wirkungszusam­men­hänge eines all­ge­gen­wär­ti­gen wel­tumspan­nen­den Sys­tems zum Trans­port von Waren. Ein extrem verästeltes, aus­d­if­feren­ziertes Net­zw­erk, das die kle­in­sten Winkel der Welt zumin­d­est poten­tiell miteinan­der verbindet und syn­chro­nisiert. Es entste­ht das Bild eines logis­tis­chen Gewebes, das über Knoten­punk­te und Leitun­gen kom­mu­niziert und erstaunliche Ähn­lichkeit zu Mod­ellen neu­ronaler Struk­turen aufweist.  Die rhyth­misch aus­ge­feilte Mon­tage erzeugt einen ganz eige­nen Sog, der uns immer weit­er in dieses tech­nis­che Gewebe hinein­tauchen lässt. Und im Nachvol­lziehen der Rhyth­men, der fließen­den und ruckar­ti­gen Bewe­gun­gen, des kon­tinuier­lichen Blinkens der Warn­lichter, der Pen­del­be­we­gung der Grei­farme, des Zit­terns der Befes­ti­gungsstränge, des Drehens der Kran­häuser und langsamen Rol­lens der Con­tainer­brück­en wird spür­bar, dass die entste­hen­den Stim­mungen, Metren und Atmo­sphären nicht allein Äußeres ref­eren­zieren, son­dern auch eine Kor­re­spon­denz und Entsprechung haben zu Zustän­den des Inneren.

(Daniel Burkhardt)